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Terror-Nanny und al-Paraqaida

Bernd Zellers satirische Bin Laden-„Autobiographie"

Von Constanze Alt

Abducken, Zeller! Zumindest, sobald Turban und/oder Vollbart in Schussweite auftauchen; der nächste Karrikaturenstreit, er kommt bestimmt.
„Ein Leben für den Terror“, auf dem Cover ausgewiesen als „Das meistgesuchte Buch der Welt“ ist ein herzhaft boshaftes Heftchen. Satirisch aufgespießt begegnet dem Leser der jeweilige Aussatz sowohl der okzidentalen als auch der orientalischen Zivilisation. Manchmal sogar als Cocktail. Klein Osama jedenfalls, kommt als Säugling in die Tiefkühltruhe: „So etwas überlebt man nur mit äußerster Willenskraft – eine Eigenschaft, die ich bei den anderen Säuglingen in der Truhe nicht erkennen konnte.“ Zellers Spezialität, die politisch inkorrekte Komik kulminiert im an die Paralympics angelehnten Bild von „al-Paraquaida“, denn: „Viele Behinderte waren dankbar, wieder gebraucht zu werden. Schließlich fielen immer sehr viele an, weil natürlich die besten die Selbstmordanschläge und Trainingseinheiten überlebten.“ Starker Tobak, fürwahr. Wer Solcherlei vorschnell geschmacklos findet, sollte bedenken, dass unsere Welt in der Tat nicht nur zu ziemlichen Geschmacklosigkeiten, sondern vielmehr zu Gewissenlosigkeiten neigt. Man denke nur an die gegenwärtig auf einem deutschen Privatsender laufende Freak-Show, in der fünf sozial schwache Familien um ein Einfamilienhaus konkurrieren müssen.
Und mal ehrlich: Die vom fingierten „Autobiographie“-Osama initiierte Show „Die Terror-Nanny“ hat eine Entsprechung in der TV-Wirklichkeit. Wer zart besaitet ist, darf das in zartrosa gefasste Heftchen gern links liegen lassen. Wer sich seiner Existenz in einer makaberen Welt bewusst ist, weiß ohnehin, dass ein Humor, der sie erträglich macht, seinerseits makaber sein muss.

Ostthüringer Zeitung


Der ehemalige Redakteur des Satiremagazins "Titanic", der vor drei Jahren das Konkurrenzblatt "Pardon" wiederbelebt und sich darin besonders gern dem Spott über den Islamismus gewidmet hat, legt nun das "meistgesuchte Buch der Welt" vor: Usama bin Ladins illustrierte Memoiren. Darin finden sich viele Bilder aus Zellers Feder, die wir in dieser Rubik zum Glück nicht abdrucken können, so dass kein neuer Karikaturenstreit droht. Gegenüber Texten sind die Reaktionen von radikalen Muslimen ja meistens verhaltender ausgefallen, und man muss wünschen, dass das so bleibt, denn Zeller bietet für die Autobiographie des Al-Quaida-Gründers alles auf, was Satire an Geschmacksverwirrungen zu leisten vermag.

Frankfurter Allgemeine Zeitung


Es ist nicht leicht, Bin Laden zu sein

Das meist gesuchte Buch der Welt: Osama legt seine Autobiographie vor

Wenn den deutschen Feuilletons absolut gar nichts mehr einfällt, kommt immer mal wieder gern die Frage auf: Darf man über Hitler lachen? Eigentlich ist die Frage beantwortet seit Ernst Lubitsch 1942 "Sein oder Nichtsein" drehte, aber sie sorgt stets für Stimmung im Debattenstadel. Eine etwas zeitgemäßere Variante könnte lauten: Darf man über Osama bin Laden lachen. Dies sollte schnellstens geklärt werden, denn der Terrorfürst hat seine Autobiographie vorgelegt.

Erstaunlich, dass einer der bekanntesten Männer der Erde, sich bisher nur mit statisch inszenierten Videoclips zu Wort meldete und noch keinen einzige Bestseller gelandet hat. Ausgerechnet Bin Laden, der wohl bedeutendste Vertreter des zeitgenössischen Terrorismus, trat als Buchautor bisher nicht in Erscheinung. Das ist nun vorbei. Um es gleich vorweg zu nehmen, er hat das Werk nicht allein geschrieben. In dem Jenaer Zeichner Bernd Zeller hat bin Laden einen kongenialen Geist gefunden, der seinen Gedanken in Wort und Bild auf die Sprünge hilft. Warum auch nicht, alle Prominenten beauftragen Ghostwriter. Aus der fruchtbaren Zusammenarbeit des Wahl-Pakistaners mit dem Thüringer entstand "Ein Leben für den Terror", ein überraschendes und kurzweiliges Werk voller origineller Gedanken über Gott und die Welt, Frauen und Kamele, Blut und Burkha.

Das Buch kommt zu einer Zeit, in der bin Laden in eine kontemplativen Phase durchmacht. "Kann Terror heute noch überzeugen?," fragt er, und spart dabei nicht mit Selbstkritik: "Mein größter Fehler war die Verbuchung der gesamten Bonusmeilen der entführten Passagiere. Das war damals Usus, aber ich verstehe die Empörung, die es auslöste, sind wir doch gerade dafür angetreten, die Gesellschaft zu verbessern."

überraschend für viele Leser, ja sogar für die treuesten Fans: Nicht nur die Terrorzelle, die den Angriff vom 11. September 2001 plante, sondern auch bin Ladens selbst lebte lange in Deutschland und hat das Land nach anfänglichen Enttäuschungen kennen und lieben gelernt. Es war nicht leicht, denn durch seinen Migrationshintergrund stieß er auf massive Vorurteile. Er entschloss sich dennoch Dienstleister zu werden und eine Entführerei aufzumachen. Bis heute ärgert ihn, dass das Kidnapping von Heribert Prantl ihm nicht den erhofften Durchbruch brachte. Die prominente Geisel lehnte die Befreiung ab, weil die Polizei das Versteck durch Androhung von Folter ermittelt hatte.

Zeller zeigt uns den Menschen hinter dem Bart, einen Mensch der auch verletzlich ist. Es macht nachdenklich, bin Ladens Erlebnisse an Nacktbadestränden, in Fastfood Restaurants oder in der SM-Szene zu lesen. Aber auch heute ist sein Leben nicht einfach. Wer von uns weiß schon wie es ist, wenn nachts die amerikanische Kampfjets über die Berggipfel donnern und ihr Dröhnen durch die Höhle hallt. Auch eine Führungspersönlichkeit wie bin Laden hat ihre dunklen Stunden. Dann denkt er zurück an seine Kindheit, als er nie Bonanza sehen durfte. Daraus erklärt sich manches, was seinem späteren Lebensweg so außergewöhnliche Wendungen gab.

Ein großes Ziel hat er erreicht: Schon als Jugendlicher wusste der ambitionierte Saudi, dass er "was mit Medien machen will." Seine Karriere in dieser Branche war dann überwältigend. Bis heute präsentiert er eines der quotenträchtigsten Programme auf Al-Dschasira und die Blutbäder seiner Mitarbeiter werden weltweit übertragen. Doch all die Prominenz und die Aufmerksamkeit der Medien haben auch ihre Schattenseiten. "Meine Tätigkeit," schreibt er, "wird oft in der öffentlichkeit verzerrt und trivialisiert dargestellt." Es ist nicht leicht ein bin Laden zu sein. So klingt es ein wenig melancholisch, wenn er seine Autobiographie mit den Worten schließt: "Ich habe allen gezeigt, dass ich der letzte authentische Rock'n'Roller bin. Und das ist auch gut so." Ein Buch für alle, die den Dialog suchen, und verstehen wollen, was bin Laden uns sagen möchte.

Rezension von Michael Miersch, erschienen am 02.02.2008 in
DIE LITERARISCHE WELT


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